Spuren der Geschichte - Wege der Zukunft
Das Deutsch-Ungarische Jugendwerk gestaltet ungarisch-sächsische Jugendbegegnung in Pirna: Eine Woche zwischen Erinnerung, Begegnung und europäischer Zukunft

Wie lässt sich die Identität eines Kontinents greifen, der gleichermaßen von den Narben der Vergangenheit und den Hoffnungen der Jugend geprägt ist? Die Jugendbegegnung „Spuren der Geschichte – Wege der Zukunft“ nahm einen Versuch, auf diese Fragen Antworten im deutsch-ungarischen Kontext zu finden. Vom 20-25. September trafen sich Schülerinnen und Schüler des Koch-Valéria-Bildungszentrums in Pécs und des Evangelischen Schulzentrums Pirna, um gemeinsam Geschichte zu erkunden, Erinnerungen zu teilen und über Demokratie und die Zukunft Europas zu sprechen. Die Projektwoche wurde vom Deutsch-Ungarischen Jugendwerk e.V. und seinem ungarischen Schwesterverein „Magyar-Német Ifjúságért Egyesület“ sowie Aktion Zivilcourage e. V. organisiert.
Bereits bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestags der Vertreibung der Ungarndeutschen im Januar 2026 in Pirna war das Projekt in der Anwesenheit von Ministerpräsident Michael Kretschmer und dem ungarischen Staatspräsidenten Tamás Sulyok angestoßen. Ziel war es, jungen Menschen aus beiden Ländern einen gemeinsamen Lern- und Erfahrungsraum zu eröffnen und in Austausch zu treten.
Im Mittelpunkt der Jugendbegegnung standen die Geschichte der Vertreibung der Ungarndeutschen, die nationalsozialistischen Verbrechen in Pirna-Sonnenstein, die Erfahrungen mit kommunistischen Regimen sowie Fragen von Demokratie, Teilhabe und europäischer Verantwortung. Auch der historische Umgang mit dem Begriff der Kollektivschuld wurde thematisiert. Besonders persönlich wurde es bei den Beiträgen der ungarischen Jugendlichen mit ungarndeutschen Wurzeln. Sie brachten Gegenstände nach Pirna mit, die für ihre Familiengeschichte und ihre Zugehörigkeit zum Ungarndeutschtum stehen. In einem alten Koffer entstand daraus eine kleine Ausstellung: eine Sammlung persönlicher Erinnerungen und Geschichten. Ein bewegender Moment war das Gespräch mit einer ungarndeutschen Zeitzeugin Irma Bergmann, die als Kind im August 1947 die Vertreibung erlebte. Ihre Erzählungen machten abstraktes historisches Wissen emotional greifbar. Ihre Botschaft an die Jugendlichen: „Alles sollte man aufschreiben, denn später kann man niemanden fragen und das Wissen geht verloren.“ Die Zeitzeugin stammt aus Mágocs, ebenso wie eine Schülerin der ungarischen Gruppe. „Das ist schon eine Verbindung”, sagte sie bewegt.
Auch die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen nahm einen wichtigen Platz ein. Gemeinsam mit Dr. Heiko Neumann setzten sich die Jugendlichen bei einem Erinnerungsweg durch Pirna, beim Besuch der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein und anschließend mit dem Gedenksprühen auf dem Marktplatz in Pirna mit der Geschichte des Ortes auseinander. Den Blick auf die Gegenwart richtete der Besuch im Sächsischen Landtag in Dresden. Dort konnten die Jugendlichen mit der Landtagsabgeordneten Simone Lang und mit Dr. Jens Baumann, dem Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen über Demokratie, Minderheiten und gesellschaftliche Teilhabe sprechen.


Neben den ersten Themen blieb auch Zeit für Begegnung und gemeinsames Feiern. Ein Folkloreabend mit Musik und Tanz sowie gemeinsame Abendessen mit den Gastfamilien boten Gelegenheit, persönliche Kontakte zu vertiefen.
Die Begegnungswoche machte deutlich: Erinnerung verbindet Vergangenheit und Gegenwart und kann junge Menschen dazu anregen, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. „Sie brachte Menschen verschiedener Generationen und Nationen zusammen, um Brücken über Grenzen hinweg zu bauen - geleitet von einem Dreiklang, der Europa heute mehr denn je braucht: das Gedenken an das Gestern, der Dialog von heute und die Gestaltung des Morgens" - summiert die Vorsitzende des Deutsch-Ungarischen Jugendwerks e.V. und des Vereins „Magyar-Német Ifjúságért Egyesület", Frau Dr. Elisabeth Knab nicht nur die Zielsetzung dieser Jugendbegegnung, sondern auch die Überzeugung der Jugendwerk-Vereine.
Im November wird der deutsch-ungarische Austausch in Ungarn fortgesetzt. Unterstützt wird das Projekt von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, der Sächsischen Staatskanzlei, dem Amt des Ministerpräsidenten sowie dem Bethlen Gábor Fondsverwalter.
Pressespiegel:
https://www.mdr.de/sachsenradio/nachhoeren/nachrichten/dresden/audio-3492408.html